Was ist eigentlich.. Journaling?

Journaling ist zur Zeit absolut en vogue. Man kann keine (Frauen-)Zeitschrift aufschlagen, ohne auf dieses Schlagwort zu stoßen. Journaling wird gelobt als Instrument der Persönlichkeitsentwicklung oder auch der Achtsamkeit, als Bestandteil erfolgreicher Morgenroutinen, als Methode zur Selbstoptimierung. Es ist tatsächlich so populär, dass ich manchmal denke, vielleicht sollten wir aufpassen, dass es nicht auch zu einem weiteren To Do in unserem Tag wird, das uns nur noch mehr Stress verursacht.

Vielleicht hast du früher ja auch Tagebuch geschrieben. Viele von uns besaßen früher ein Notizbuch, gern auch mit einem kleinen Schloss versehen, in das man aufschrieb, was man erlebt hatte, was in der Schule los war, welchen Jungen man mochte und so weiter. Eine Zeitlang habe ich sogar online Tagebuch geführt, es gab da mal eine Seite: myTagebuch.de, kennt die noch jemand? Wahrscheinlich nicht, ist laaaaange her 😅

Aufschreiben schafft Klarheit und Ordnung im Kopf

Und Journaling kann auch Tagebuch-Elemente enthalten, natürlich – denn: Journaling ist das, was du daraus machst. Aber: Hauptsächlich ist Journaling dazu gedacht, Themen zu durchdenken, Gedanken zu Papier zu bringen, klarer zu sehen, schriftlich nachzudenken. Dein Journal ist dein ganz eigener Ort, an dem du alles sagen, alles fragen, alles sehr genau betrachten darfst. Dabei kannst du einfach frei schreiben oder dich an Fragen oder Impulsen, sogenannten Prompts, orientieren.

Vielleicht geht es dir ja so wie mir – ich weiß erst, was ich denke, wenn ich lese, was ich geschrieben habe. Aufschreiben schafft Klarheit und Ordnung im Kopf. Denn was auf dem Papier ist, macht Platz im Kopf für Neues, Anderes.

Übrigens, wenn dir das freie Schreiben nicht so liegt oder eine leere Seite dir eine Schreibblockade verursacht: Es gibt auch geführte Journals, wie z.B. KLARHEIT oder das 6-Minuten-Tagebuch. Hier helfen dir vorformulierte Fragen und Prompts, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Beim Journaling kommst du dir selbst auf die Schliche. Hier kannst du darüber nachdenken, warum du in einer bestimmten Situation immer wieder genau so und nicht anders reagierst. Es kann dir helfen, herauszufinden, was hinter deiner Abneigung (oder Zuneigung?) gegen eine bestimmte Person oder Sache steckt. Es kann dir helfen, in Kontakt mit deinem inneren Kind zu kommen, es kann ein wertvoller Bestandteil deiner Schattenarbeit sein.

Fang klein an

Wichtig ist, dass du das Journaling nicht zu einem weiteren To Do werden lässt, das du irgendwie in deinem übervollen Tag auch noch unterbringen musst. Fang klein an. Fünf Minuten am Tag reichen – zwing dich nicht zu mehr. Ich habe Tage, an denen schreibe ich zum Beispiel nur „Heute weiß ich nichts.“ Und fertig. Manchmal weiß ich wirklich nichts. Manchmal allerdings entwickelt sich dann doch eine ganze Seite Text (oder mehr), weil allein durch den Vorgang „Stift – Papier“ die Gedanken ins Fließen kommen.

Vor einigen Jahren habe ich ein Experiment gemacht. Ich habe über ein Jahr lang jeden Tag, ohne Ausnahme jeden, 15 Minuten geschrieben. Manchmal zu Prompts, oft war es aber nur freies Schreiben, was eben gerade im Kopf los war, was raus musste. Manchmal waren das auch Sachen wie „Warum tue ich mir das jeden Tag an, ich hasse das, mir fällt nichts ein, ich hasse das, das bringt doch nichts.“ Egal. Auch wenn das aus dir raus will, schreib es auf. Wie gesagt – was raus ist aus dem Kopf, schafft Platz für Neues 😊 Das Ergebnis des Experiments spricht übrigens für sich. Ich war noch nie ausgeglichener als in dieser Zeit. Weil sich nicht so viel aufstauen konnte. Weil ich schon kleinere Dinge bemerken konnte, ehe sie sich zu etwas Großem, Schweren auftürmen konnten.

15 Minuten schaffe ich zur Zeit nicht. Aber das ist auch gar nicht tragisch. Wichtiger ist mir, mich wenigstens einmal am Tag mit meinem Journal hinzusetzen. Das nimmt mir den Druck, schreiben zu müssen, und schenkt mir stattdessen die Gelegenheit, schreiben zu dürfen.

Eine Sache noch: Journaling kann dir helfen, dich besser zu verstehen und ausgeglichener zu leben. Gerade im Hinblick auf die Schattenarbeit möchte ich dir aber sagen, dass es manchmal angeraten ist, je nachdem welche Themen du bewegst und wie sehr sie auf dein Leben (noch) einwirken, sich Hilfe zu holen und einen Therapeuten zu suchen. Journaling wird mit Sicherheit eine Therapie fördern und unterstützen, aber manchmal ist das Schreiben allein einfach nicht ausreichend. In diesem Fall höre auf dein Bauchgefühl und hole dir Hilfe.

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