Mein Jakobsweg: Dieser Idee konnte ich nicht entrinnen

Es ist der 11. Februar, Freitagabend, und Anna hat wieder zur #Blognacht eingeladen. Ich bin ziemlich platt, die Woche war doch ganz schön lang, aber trotz der Müdigkeit habe ich mich die ganze Woche schon auf diesen Abend gefreut. (Hier kannst du übrigens nochmal nachlesen, wie meine erste Blognacht war und warum ich alle vier Wochen so gerne wieder dabei bin.)

Dieser Idee konnte ich nicht entrinnen

Der Impuls, den Anna uns gibt, lautet heute „Dieser Idee konnte ich nicht entrinnen.“ Innerlich zucke ich erstmal zusammen, denn einer meiner hartnäckigsten Glaubenssätze lautet: „Ich habe nicht genug Ideen. Und gute Ideen erst recht nicht.“ Also fange ich an zu grübeln – hatte ich überhaupt schon jemals eine gute Idee? Und dann auch noch eine, der ich nicht entrinnen konnte?

Aber wie ist das überhaupt mit den Ideen? Finden wir die Ideen, oder finden sie nicht in Wirklichkeit eher uns? Denn manchmal merkt man ja gar nicht, dass man gerade eine Idee hatte. Dann ist es so, als hätte man das schon immer gewusst, als hätte man diese Einsicht gerade einfach nur zur Kenntnis genommen, weil man die im Grunde ja schon immer kannte. Woher kommen diese Einfälle? Und muss man die Hand aufhalten, um sie einzufangen, oder wird man ohne eigenes Zutun einfach davon getroffen?

So eine Idee war das jedenfalls damals mit dem Jakobsweg. 2008 war das, und abgesehen davon, dass meine Eltern gerade „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling gelesen hatten (ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht), war mir der Jakobsweg eigentlich gar kein Begriff. Aber ohne dass ich es gemerkt hatte, war da auf einmal dieser Einfall in mir drin: Ich gehe den Camino. Als hätte das schon immer festgestanden. Klar war: Ich musste das machen. Auch wenn ich nicht wusste, wieso.

Der Jakobsweg ließ mich nicht los

Manche Ideen lassen sich nicht abschütteln, wenn sie denn mal da sind. Dann kommen sie immer wieder zurück und bringen noch kleine Geschwister mit. Selbst wenn man sie schon tot und begraben geglaubt hat, sind sie quicklebendig und stellen sich höchstens schlafend.

Der Jakobsweg ließ mich also nicht los. Ich wollte wissen, ob ich das schaffen kann. Und ich wollte herausfinden, was der Weg mit einem macht. Wenn Heulen eine Maßeinheit für spirituelles Wachstum ist, war der Trip ein voller Erfolg. Ob ich dabei wirklich mir selbst oder etwas Höherem nähergekommen bin – vielleicht.

Jedenfalls: Wenn eine Idee uns nun eben immer und immer wieder am Ärmel zupft, bis wir endlich einmal zuhören, dann muss man eines Tages losgehen. Und das habe ich dann auch getan. Denn an diesem Punkt angelangt, wäre es wesentlich härter gewesen, die Idee zu begraben, als sie in die Tat umzusetzen. Auch wenn ich körperlich das eine oder andere Mal an meine Grenzen gelangt bin – und seelisch noch ein paar Mal öfter. Auch wenn ein Strandurlaub bequemer gewesen wäre – der Preis, es nicht zu tun, wäre zu hoch gewesen.

Sei doch mal der Narr

Damals habe ich noch nichts mit Tarot am Hut gehabt. Heute weiß ich: Das war eine Narren-Idee. Im bestmöglichen Sinne des Wortes. Im Tarot ist der Narr die Karte Null, Anfang und Ende der Heldenreise. Er ist die Karte, die durch die Großen Arkana tanzt, der Erfahrungen machen möchte allein um der Erfahrung willen. Der Narr ist verrückt, er macht alles anders, entdeckt alles neu. Wenn der Narr fällt, vergiss alles, was du weißt und beginne etwas völlig Neues.

Aber der Narr ist eben nicht nur verrückt. Sondern er hat sein kleines Bündel dabei, er ist vorbereitet, er hat alles, was er braucht. Und der kleine Hund an seiner Seite begleitet ihn, er ist nicht allein. Der Narr schaut nicht mal, wohin er tritt – so groß ist sein Vertrauen, dass es das am Ende wert gewesen sein wird.

Ja, die Idee, ganz alleine auf den Camino aufzubrechen, war verrückt. Es hätte ins Auge gehen können, und nicht zu knapp. Ich war darauf vorbereitet, nach zwei Tagen die Zelte abzubrechen und nach Hause zu fahren. Aber so ist es nicht gekommen. Denn es war so viel größer und anstrengender, schwerer und wunderbarer, emotionaler und befreiender, als ich es mir je hätte ausmalen können.

Und der Camino lässt mich auch heute nicht los

Ich glaube, bei den Ideen gibt es solche und solche – die, die man findet, und die, die einen finden. Sicher bin ich, dass der Jakobsweg zur zweiten Kategorie gehört, dass man auf den Weg gerufen wird. Also war es wahrscheinlich gar nicht meine eigene Idee, nichts was ich gefunden hätte. Sondern etwas, das mich gefunden hat.

Über zehn Jahre später denke ich noch jeden Tag an den Camino zurück. In meinem Bücherregal steht eine blaue Kachel mit dem gelben Pfeil, aber um ehrlich zu sein, bräuchte ich die gar nicht, um mich zu erinnern. Auch die Fotos (über tausend insgesamt, zusammengesammelt von allen, die ich auf dem Weg kennenlernen durfte) bräuchte ich gar nicht – aber wenn ich sie ab und zu mal hervorhole und durchsehe, ist da sofort wieder diese Sehnsucht nach dem Weg, nach der Gemeinschaft, nach dem einfachen und trotzdem übervollen Leben.

Eines Tages gehe ich ihn noch einmal, meinen Camino. Vielleicht bin ich dann enttäuscht, vielleicht kann der Weg in echt niemals mithalten mit den überlebensgroßen Erinnerungen und Gefühlen. Aber so ist das mit den großen Ideen, mit den lebensverändernden Einfällen – sie setzen die Benchmark höher für alles, was danach kommt.

Den Weg des Narren weitergehen

Und selbst wenn es beim nächsten Mal anders ist als zuvor – man springt nie zweimal in denselben Fluss, es wäre also ziemlich unsinnig, das zu erwarten. Und auch irgendwie witzlos, denn wir wollen ja schließlich neue Erfahrungen machen. Ich nehme mir also ein Beispiel am Narren, der Karte Null im Tarot-Deck. Und gehe ohne Erwartungen los.

Ich glaube, für alle großen Ideen gilt: Ohne eine gewaltige Portion Vertrauen geht es nicht. Den ersten Schritt ins Leere zu tun, erfordert entweder jede Menge Mut oder Irrsinn, vielleicht auch beides. Aber wenn man diesen Schritt dann tut, kann es das ganze Leben verändern.


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